Die 7 häufigsten Mythen in der Mikrostromtherapie
Mikrostrom und frequenzspezifische Mikrostromtherapie (FSM) haben in den letzten Jahren in vielen Praxen einen festen Platz gefunden. Gleichzeitig begegnen einem in Gesprächen mit Therapeuten, Ärzten und Heilpraktikern immer wieder ähnliche Vorbehalte und Missverständnisse. Ein Teil davon stammt aus Erfahrungen mit klassischer Elektrotherapie, ein anderer Teil aus unklarer Kommunikation, überzogenen Versprechen und lückenhaften Informationen.
Dieser Beitrag nimmt die sieben häufigsten Mythen rund um Mikrostrom und FSM auf und ordnet sie sachlich, praxisnah und ohne Übertreibung ein. Ziel ist es, Klarheit zu schaffen, die Methode besser einzuordnen und eine Grundlage für einen reflektierten Einsatz im Praxisalltag zu bieten.
Mythos 1: „Mikrostrom ist doch nur ein weiterer Reizstrom.“
Auf den ersten Blick wirkt Mikrostrom für viele wie eine Variante der bekannten Reizstromverfahren: Ein Gerät, Kabel, Elektroden – also „Strom auf den Patienten“. Aus dieser Perspektive wird Mikrostrom schnell in die gleiche Schublade wie TENS oder klassische Elektrotherapie gesteckt.
Tatsächlich unterscheidet sich Mikrostrom jedoch in einem zentralen Punkt: der Dosis.
Während klassische Reizstromverfahren mit Stromstärken arbeiten, die deutlich spürbar sind und häufig Muskelkontraktionen auslösen, bewegt sich Mikrostrom im Mikroampere-Bereich – also deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
Damit verschiebt sich auch der therapeutische Ansatz.
Im Vordergrund steht nicht die spürbare Stimulation von Muskeln oder Nerven, sondern die Beeinflussung von Regulationsprozessen auf zellulärer und geweblicher Ebene. In experimentellen Arbeiten wurde zum Beispiel untersucht, inwieweit Mikrostrom Effekte auf ATP-Produktion, Membranpotenziale und Geweberegulation haben kann.
Im Praxisalltag heißt das: Mikrostrom ist kein „Reizstrom 2.0“, sondern ein eigenständiger therapeutischer Ansatz mit eigener Dosislogik und Zielsetzung. Er sollte als zusätzliche Säule im therapeutischen Konzept verstanden werden und nicht einfach als Variante klassischer Elektrotherapie.
Mythos 2: „Wenn der Patient nichts spürt, passiert auch nichts.“
Viele Patienten sind es gewohnt, dass eine Behandlung „spürbar“ ist – sei es durch Druck, Dehnung, Wärme, Kälte oder elektrisches Kribbeln. Bleibt dieses Gefühl aus, entsteht schnell der Eindruck, es passiere nichts.
Bei Mikrostrom ist genau das Gegenteil gewollt:
Die Stromstärke wird so gewählt, dass sie in der Regel nicht wahrgenommen wird. Die fehlende Wahrnehmung ist also kein Zeichen von Wirkungslosigkeit, sondern ein Merkmal der Methode.
Für den Therapeuten ergibt sich daraus eine Kommunikationsaufgabe. Es hilft, von Beginn an zu erklären, dass Mikrostrom im physiologischen Bereich arbeitet, in dem der Patient wenig oder nichts spürt. Entscheidend sind nicht Effekte während der Anwendung, sondern Veränderungen im Verlauf:
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Bewegungsumfang
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Gewebespannung
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Schwellungszustand
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Schmerzangaben
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Funktionelle Tests
Wer Mikrostrom konsequent mit solchen Beobachtungsparametern verknüpft und diese dokumentiert, verschiebt die Diskussion von „Ich spüre nichts“ hin zu „Was hat sich über mehrere Sitzungen verändert?“. Es ist also eher ein Thema der Erwartungssteuerung und Verlaufsbeurteilung als eine Frage der grundsätzlichen Wirksamkeit.
Mythos 3: „Mikrostrom ist nur etwas für akute Sportverletzungen.“
Viele Kollegen lernen Mikrostrom zunächst im Kontext von Sportmedizin kennen: Distorsion, Muskelfaserriss, Prellung, postoperative Schwellungszustände. Das führt leicht zu dem Bild: „Mikrostrom ist ein Akuttool für Sportler.“
Tatsächlich wird Mikrostrom in der Praxis deutlich breiter eingesetzt – immer als Baustein in einem multimodalen Konzept und nach sorgfältiger Indikationsstellung. Beispiele sind unter anderem:
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chronische Schmerzsyndrome mit neuropathischen oder myofaszialen Anteilen
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muskuläre Dysbalancen und Muskelkettenproblematiken
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lymphatische Themen wie Ödeme und gestörte Drainage
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funktionelle Störungen im Bereich der Atmung, bei denen das Zwerchfell beteiligt ist
Wichtig ist die Einordnung: Mikrostrom ersetzt weder Diagnostik noch andere therapieentscheidende Maßnahmen. Er kann vorhandene Konzepte ergänzen, indem er an Regulationsprozessen ansetzt, die bei vielen chronischen Beschwerdebildern eine Rolle spielen. Wer Mikrostrom ausschließlich mit akuten Sportverletzungen verbindet, übersieht mögliche Anwendungsfelder im breiteren Praxisalltag.
Mythos 4: „FSM ist esoterisch, da werden irgendwelche Frequenzen gefühlt ausgewählt.“
FSM, die frequenzspezifische Mikrostromtherapie, sorgt immer wieder für Stirnrunzeln. Von außen betrachtet sieht man verschiedene Frequenzen, Begriffe wie „Zustände“ und „Gewebe“ und komplexe Protokolle – das wirkt für Außenstehende schnell beliebig oder „gefühlt ausgewählt“.
FSM basiert jedoch auf einem strukturierten Ansatz:
Bestimmte Frequenzen werden mit bestimmten Zuständen und Geweben verknüpft. Ziel ist, sowohl die Pathophysiologie des Beschwerdebildes als auch die beteiligten Strukturen zu berücksichtigen. Die Protokolle entstehen nicht aus spontaner Eingebung, sondern aus systematischer Arbeit mit dokumentierten Frequenzkombinationen, klinischer Erfahrung und zum Teil auch aus veröffentlichten Fallserien und Studien.
Natürlich gibt es – wie in jeder Therapieform – unterschiedliche Qualitätsniveaus in der Anwendung. Entscheidend ist, wie der einzelne Anwender damit umgeht:
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Wird das Beschwerdebild gründlich analysiert?
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Gibt es eine nachvollziehbare Ableitung der Frequenzwahl?
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Werden Verlauf und Reaktionen dokumentiert?
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Wird das Ganze in ein seriöses Gesamtkonzept eingebettet?
FSM ist kein Glaubenssystem, sondern ein Werkzeug. Ob es seriös wirkt, hängt maßgeblich davon ab, ob es mit pathophysiologischem Verständnis, Dokumentation und realistischer Kommunikation verbunden wird.
Mythos 5: „Mikrostrom ist rechtlich eine Grauzone.“
Unsicherheiten rund um Recht, Haftung und Regularien sind in vielen Praxen ein sensibles Thema. Schlechte Erfahrungen mit unklaren Geräten oder überzogener Werbung tragen dazu bei, dass Mikrostrom pauschal als „Graubereich“ wahrgenommen wird.
Hier lohnt sich der differenzierte Blick:
Ein medizinisches Mikrostromsystem ist zunächst ein Medizinprodukt. Damit sind klare Anforderungen verbunden – von der Konformitätsbewertung über technische Dokumentation bis hin zu Qualitätsprozessen beim Hersteller.
Auf Seiten des Anwenders greifen unter anderem:
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Betreiberpflichten
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sachgerechte Einweisung und Schulung
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Dokumentationspflichten
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Einhaltung des Heilmittelwerbegesetzes in der Außendarstellung
Mikrostrom ist also nicht automatisch eine rechtliche Grauzone. Problematisch wird es vor allem dort, wo:
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Geräte ohne klare medizinische Zweckbestimmung eingesetzt werden
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Dokumentation und Einweisung fehlen
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mit Aussagen geworben wird, die nicht mit den gesetzlichen Vorgaben vereinbar sind
Wer hingegen ein zugelassenes, nachvollziehbar dokumentiertes System nutzt, Patienten sachlich informiert, keine Heilversprechen abgibt und Mikrostrom in vorhandene Qualitätsstrukturen integriert, bewegt sich auf einer deutlich stabileren Grundlage.
Mythos 6: „Das ist alles viel zu kompliziert für den Praxisalltag.“
Gerade in stark ausgelasteten Praxen ist der Reflex nachvollziehbar: „Noch eine Methode, noch ein Gerät, noch mehr Organisation – das passt nicht in meinen Tag.“
Komplex wird Mikrostrom vor allem dann, wenn versucht wird, alles auf einmal umzusetzen. Deutlich praktikabler ist ein schrittweiser Einstieg:
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Auswahl von ein bis zwei typischen Beschwerdebildern, bei denen Mikrostrom gut in das bestehende Konzept passt.
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Arbeit mit klar definierten, einfachen Standardprotokollen, statt direkt das gesamte Spektrum auszuschöpfen.
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Strukturierte Dokumentation von Zeitaufwand, Verlauf und Reaktionen über mehrere Wochen.
Mit dieser Vorgehensweise entsteht nach und nach Routine. Mikrostrom wird nicht zur „Extrabaustelle“, sondern zu einem festen Bestandteil definierter Abläufe. Viele Praxen berichten, dass bestimmte Fälle dadurch sogar planbarer werden, weil Behandlungsschemata klarer strukturiert sind.
Natürlich bleibt ein Lernaufwand: Gerät verstehen, Parameter kennen, Kontraindikationen beachten. Aber dieser Aufwand ist mit jeder neuen Methode verbunden. Entscheidend ist die bewusste Integration in bestehende Prozesse – dann muss Mikrostrom nicht kompliziert sein.
Mythos 7: „Es gibt doch keine vernünftigen Daten zu Mikrostrom.“
Dieser Mythos begegnet einem vor allem bei wissenschaftlich orientierten Kollegen. Oft steht dahinter die berechtigte Frage nach Evidenz und Studienlage.
Richtig ist: Die Datenfülle zu Mikrostrom ist nicht vergleichbar mit den großen Programmen etablierter Standardverfahren oder Pharmastudien. Daraus aber zu schließen, es gebe „gar keine vernünftigen Daten“, greift zu kurz.
Es existieren:
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experimentelle Arbeiten
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Fallserien
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klinische Studien
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und zahlreiche dokumentierte Erfahrungsberichte
die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Mikrostromtherapie befassen – etwa mit Schmerz, Entzündung, Wundheilung oder funktionellen Parametern.
Entscheidend ist weniger die schiere Anzahl der Studien, sondern der Umgang damit:
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Welche Fragestellung beantwortet eine Studie wirklich?
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Wie vergleichbar sind Patientengruppe und Setting mit der eigenen Praxis?
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Wie lassen sich die Ergebnisse mit eigenen Erfahrungen und Patientenrückmeldungen kombinieren?
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Wie wird gegenüber Patienten kommuniziert – in Form von Hinweisen und Beobachtungen, nicht als Garantien?
Mikrostrom ist ein Feld, in dem weiter geforscht werden sollte. Die vorhandene Evidenz erlaubt eine sachliche Einordnung, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit kritischer Analyse und klinischer Erfahrung.
Fazit: Mikrostrom und FSM zwischen Skepsis und Potenzial
Die sieben Mythen zeigen, warum Mikrostrom und FSM häufig kontrovers diskutiert werden: alte Bilder von Reizstrom, fehlende Spürbarkeit, Unsicherheiten bei Indikation, Recht und Studienlage. Gleichzeitig werden Möglichkeiten sichtbar, wie die Methode sinnvoll, strukturiert und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.
Zusammengefasst:
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Mikrostrom ist ein eigenständiger Ansatz im Mikroampere-Bereich und sollte als regulativer Baustein im Therapiekonzept verstanden werden.
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Die fehlende Wahrnehmung beim Patienten ist normal; entscheidend sind dokumentierte Veränderungen im Verlauf.
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Das Einsatzspektrum geht über akute Sportverletzungen hinaus, immer im Rahmen eines klaren, multimodalen Konzepts.
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FSM kann als strukturierte, frequenzspezifische Methode verstanden werden – vorausgesetzt, sie wird mit pathophysiologischem Wissen und systematischer Dokumentation verknüpft.
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Rechtlich kommt es auf Qualität des Systems, Betreiberpflichten und eine seriöse Kommunikation an, nicht auf pauschale Vorurteile.
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Für den Praxisalltag ist ein schrittweiser Einstieg mit klar definierten Szenarien oft der sinnvollste Weg.
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Die Evidenzlage ist differenziert zu betrachten; vorhandene Daten und klinische Erfahrung ergänzen sich, ohne dass es absolute Versprechen gibt.
Wer Mikrostrom und FSM unter diesen Vorzeichen betrachtet, gewinnt Abstand zu Mythen und Pauschalurteilen – und schafft die Grundlage für einen reflektierten, fachlich begründeten Einsatz im Praxisalltag.




